Über Pata Music
Von der unbeliebigen Wandelbarkeit alles Seienden
(Interview anläßlich der Veröffentlichung der CD Norbert Stein PATA MASTERS "PATA JAVA")
Pataphysik: „Eine Wissenschaft, die irrealer Logik und einer neuen Wirklichkeit jenseits der Grenzen der äußeren Erscheinungswelt verpflichtet ist, losgelöst vom gewöhnlichen Kausalitätsdenken.“ Dass es zwischen Himmel und Erde weit mehr gibt, als das was wir sehen und uns vorstellen können, das müsste heute selbst der eingefleischteste Wissenschaftler zugeben. Doch wie sollte etwas wissenschaftlich genannt werden dürfen, was mit den Mitteln der Wissenschaft eben gar nicht gemessen, erklärt und aufgezeigt werden kann? Boris Vian, ein Pataphysiker, erklärte dazu in einer Rundfunksendung am 23. Mai 1959: „Eines der Grundprinzipien ist das der Äquivalenz. Das erklärt Ihnen vielleicht unsere Weigerung, festzulegen, was ernst und was nicht ernst ist; da es für uns genau dasselbe ist, ist es Pataphysik.“ Als Komponist spricht Norbert Stein von „Inszenierten Räumen“. Er hat in Anlehnung an Alfred Jarrys Wortschöpfung den Namen „Pata Musik“ abgeleitet, um unter diesem Begriff eine Konstante zu etablieren, die als Identifikationsbasis für seine unterschiedlichsten Projekte dienen soll.
- Welches Gedankenmodell steckt hinter Pata?
- Was darf man sich denn unter „Reflective Sounds Of Imaginary Folklore“ vorstellen?
- Die Lehre von der Verwechsel- und Austauschbarkeit von alles und jedem halte ich für eine Illusion. Wie frei ist ihre Musik wirklich? Brauchen nicht ihre Arrangements, sowie ein jedes Lebewesen gewisse Konstanten?
Bei modularer Herangehensweise liegt daher die kompositorische Arbeit an der Gesamtform im Vermeiden von Beliebigkeit.
In meiner kompositorischen Tätigkeit beschäftige ich mich mit der Schaffung von optimal präzisierten thematischen, harmonischen oder strukturellen Aussagen sowie der Gestaltung und Ausbalancierung von Abläufen und Formen für improvisierende Musiker. Ich strebe eine möglichst klare Wiedergabe meiner Vorgaben an, gepaart mit dem Anliegen möglichst uneingeschränkte Spielräume zu inszenieren für die Fähigkeiten und Energien der beteiligten Musiker.
- Die Phase des Free Jazz z.B. war nur von kurzer Lebensdauer. Doch wohl weil dieser musikalische Anarchismus gegen die menschliche Natur und gegen sein Harmonieverständnis lief. Wie denken Sie darüber?
Bei der vorbildhaften Darstellung von elementaren Kräften denke ich neben Cecil Taylor auch an Iannis Xenakis.
Bei den Musikern des Free Jazz beeindruckte mich die existenzielle Notwendigkeit des Tuns, der Mut und das künstlerische Anliegen „hinter die Grenzen“ zu gelangen, auch um davon zu berichten. Musikalische Argonauten.
- Wie kam ihr Interesse an der indonesischen Kultur und Musik zustande?
- Überhaupt Ihr Interesse an der sogenannten ethnischen Musik?
- Sie haben den herkömmlichen Jazz verlassen. War es Ihnen dort trotz aller Vielfalt zu eng geworden?
- Europäische Kammermusik, Jazz, Folklore und Elektronik scheinen bei Ihnen keine unvereinbaren Stilelemente zu sein. Ist das das Konzept der Zukunft: Alles in einem, eines in allem?
- Sie arbeiten weltweit mit diversen großen Besetzungen und Orchestern. Wer finanziert ihnen diese Projekte?
- Ihr Kontakt zum Goethe Institut scheint sich über viele Jahre gehalten zu haben. Ist das noch auf Ihre Zeit der Kölner Jazzhaus Initiative zurück zu führen?
- Sie betreiben Ihr eigenes Label, und kümmern sich wohl auch selbst um Konzerte. Bleibt bei all den organisatorischen Tätigkeiten immer genug Platz für den Musiker Norbert Stein?
Davon unabhängig läuft das Kontinuum an künstlerischen Tätigkeiten wie Üben, Komponieren, Konzerte spielen, Projekte entwickeln und diese dann konsequent realisieren. Eine ständige Aufgabe bleibt es, alle diese Bereiche in einer ausgewogenen Balance zu halten.
- Sie haben ihre neue CD in Yogyakarta aufgenommen. Wurden Sie von Djaduk Ferianto zu diesem Projekt eingeladen, oder wie kam es zustande?
- Die Zusammenarbeit mit einem Gamelanorchester war sicherlich sehr interessant?
Wir hatten die seltene Gelegenheit in ländlicher Umgebung in Yogyakarta über 10 Tage hinweg täglich intensiv an der Verschmelzung unserer Ideen zu arbeiten, konnten dann in Yogyakarta, Bandung und Jakarta erfolgreiche Konzerte geben und am Ende unseres Aufenthaltes innerhalb von drei Tagen die Musik zu PATA JAVA in einem Tonstudio in Jakarta aufnehmen. Es war uns eine Freude in den Musikern von KUA ETNIKA auf Java Kollegen zu treffen, die - trotz anderer musikalischer Tradition und wesentlich anderem Instrumentarium als wir es selber mitbrachten - , mit großer Offenheit und Stärke die Begegnung mit uns begrüßten. Auf dieser Basis fanden wir schnell zu tiefer musikalischer Arbeit an einer gemeinsamen Musik unter Wahrung der unterschiedlichen Identitäten. Eine intensive Begegnung auf gleicher Augenhöhe.
- Sind für Deutschland Konzerte mit Kua Etnika geplant?
